DEUTSCHER
KABARETT-PREIS
2015

Sonderpreis

Ich bin so frei – Pressestimmen


Zur Freiheit gehört die Bindung

Wann ist man frei? In seinem neuen Programm Ich bin so frei geht Josef Brustmann dieser Frage auf den Grund.

Er ist ehemaliges Mitglied des Bairisch-Diatonischen Jodelwahnsinns und war Mitbegründer der Monaco Bagage. Nun ist er schon seit einem Weilchen Solo unterwegs und seine Programme, so auch sein neuestes, können sich wirklich sehen und hören lassen. Mit dem neuen Werk Ich bin so frei war Josef Brustmann am Samstag in der Liederbühne Robinson zu Gast und ließ auf der Bühne Drachen steigen.

Brustmann arbeitet sich von Programm zu Programm zu seinem eigenen Ich vor. Kabarett ist auch Selbstfindung. Schon im letzten Programm Schöner Land in Sicht hat Brustmann sich mit der existenziellen Frage beschäftigt, was Heimat ist. Nun ergründet er die Freiheit. Freiheit fängt an mit nachvollziehbaren Vorstellungen: ein Campingbus, ein Motorrad. Doch sie spinnt sich viel weiter, der Begriff verästelt sich im undurchschaubaren Gewirr menschlichen Empfindens.

Betrachtet man den Flugdrachen eines Kindes, den Brustmann auf der Bühne zur Verbildlichung aufsteigen lässt, so fliegt dieser nur, weil er an einem Schnürlein hängt. Hier besteht ein Zusammenhang der beiden Kabarettprogramme Brustmanns: Freiheit nur durch Heimat. Freiheit liegt aber auch in dem, was der Mensch tut, im Vergeben beispielsweise. "Denn nichts macht einen so unfrei wie eine leidenschaftliche Feindschaft".

Brustmanns neues Programm ist wieder gespickt mit Humor, Tragikomik, Poesie, Philosophie und Volksmusik. Es gibt wenige Kabarettprogramme, die einen inspirieren, einem etwas mitgeben, Brustmanns Programme gehören dazu. Ganz unmerklich zeichnet er bei der Suche nach der Freiheit ein Bayernbild vergangener Tage ohne Klischees aus semibiografischen Erlebnissen wie die Liebe zur Summer Kathi, die beim Schmusen so schön aus der Nase gesummt hat, oder die Kindheit in Wolfratshausen. Die größte Freiheit erfährt man wohl genau dann, wenn man noch nicht begreift, was dieses Wort eigentlich bedeutet. Freiheit gleich Baden an der Isar, heute Freizeit. Freiheit gleich Cowboy- und lndianerspiele, heute Vergangenheit.

Brustmann hat eine ganz eigene Art des Erzählens. Er tut es sehr bildlich und wortgewandt, teils staccato und szenenhaft. Wie im Film gibt es oft harte Schnitte, an die sich der Mensch durch Funk und Fernsehen aber schon lange gewöhnt hat. Brustmann gibt dem Zuschauer die Chance, sich Gedanken zu machen, während des Programms und nicht erst beim Nachhausegehen und unterhält dabei noch mit herrlicher Volksmusik.

Er stammt aus einer Musikantenfamille. Er war der "Springer" und wenn man eine Zither gebraucht hat, eine Ziach oder Tuba, dann hat er sich das Instrument beigebracht, ein wenig darauf herumgeklimpert und schon ging's zum Auftritt mit den Geschwistern in die nächste Wirtschaft, zur nächsten Hochzeit oder Beerdigung.

Brustmanns Kabarett erzählt von dieser Zeit, indirekt, als die Musik noch in der ländlichen Gesellschaft verwurzelt war, man durch sie in alle Lebensbereiche – von der Geburt bis zum Tod – eines Dorfes blicken konnte. Genau das ist der Grund, warum seine Geschichten so fesselnd sind, so authentisch, ein wenig Heimat versprühen und dennoch nicht kitschig wirken. Und zu einer richtigen bayerischen Musi gehören natürlich auch Gstanzl, mit denen Brustmann sein Publikum in den Abend entlässt, um gleich darauf für zwei Zugaben wieder auf die Bühne zurückgerufen zu werden. Als "Betthupferl" gab er sein Stück "Bayern von A bis Z" auf der Zither zum Besten. Selten hat man so ein schönes und kabarettistisches "Heimatlied" gehört.

Nadine Lorenz in der Mittelbayrischen Zeitung


Radiokritik in Bayern 2

Um Freiheit geht es in dem nigelnagelneuen Programm von Josef Brustmann. Freiheit ist ja erst einmal eine ganz abstrakte Angelegenheit. Erleben läßt sie sich nur als Befreiung von etwas. Josef Brustmann geht es aber auch um die Ängste, die einen daran hindern, neues, uns unbekanntes auszuprobieren.

ICH BIN SO FREI hat Josef Brustmann sein neues Programm überschrieben, und tatsächlich nimmt sich dieser Mann auch selber diverse Freiheiten.

Er schildert, wie er einmal fast selber einen Lottogewinn gemacht hätte, weil Geld angeblich frei macht. Er setzt uns in Kenntnis über Clowns, Harlekine und Hofnarren, Menschen, die einmal Redefreiheit hatten. Er spielt vor, wie ferngesteuert manche moderne Menschen wirken, die ohne Mobiltelephon gar nicht lebensfähig sind. Oder Josef Brustmann läßt das Publikum die Melodie des Münchner Glockenspiels singen, da ist er dann wieder ganz der Musiklehrer und Chorleiter, der er einmal war, ein Münchhausen, der sich mittels Musik aus dem Lehrerschlamassel gezogen hat. Dazwischen gibt es lyrische Bilder und Gedankensplitter, Balladen und Lieder zur Zither, Gitarre und Wanderorgel.

Josef Brustmann hat sich sein Leben lang selbst befreit. Vom Musiklehrer und alternativen Volksmusiker hat er sich zum Kabarettkünstler, Textdichter und Liedermacher gewandelt. Ein Besserwisser ist er nicht. Brustmann ist keiner, der da zum hundertsten Mal die politische Klasse vorführt, weil nur er weiß, wo's langgeht. Klar kritisiert er in seinem Programm auch die Katholische Kirche. Selten aber hat man einen Kabarettisten gehört, der sich im Interview ähnlich differenziert über Kirche, Glauben und Spiritualität äußert.

Natürlich gibt es eine Bänkerschelte im neuen Programm, natürlich macht sich Brustmann lustig über unfähige Politiker, fast ein Zugeständnis, eine Dreingabe. Aber richtig spannend wird es, wenn Brustmann Geschichten aus seinem eigenen Leben erzählt, das hat er schon in früheren Programmen mit Bravour getan. Allerdings werden da nicht nur Einzelschicksale lebendig, man erfährt auch Neues über die Geschichte dieses Landes.

Vor allem im zweiten Teil geht es dann musikalisch, poetisch und sinnbildlich in die Vollen. Brustmann läßt einen kleinen Drachen von einem Ventilator angetrieben steigen und erklärt, dass der Drachen wie auch die Freiheit nur dann funktioniert, wenn der Drache fest an der Leine hängt.

Die meisten von Brustmanns Kollegen meiden derartige persönliche Erzählperspektiven. Sie begeben sich in eine abgesicherte Rolle, verstecken sich hinter einer coolen Maske. Brustmann ist da anders, er macht kein handelsübliches Kabarett. Er ist ein Musiker, der sich ins Kabarett hineingewurstelt hat, ohne sich unnötig anzupassen. Brustmann ist ein Glücksfall fürs Brettl, ein mutiger, symphatischer Typ mit Hang fürs Tiefstapeln, der das leicht altbacken wirkende Genre auf intelligente Weise erneuert.

von Markus Mayer, gesendet am 7.11.2011 in Bayern 2