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Leben hinterm Mond – Pressestimmen


Gewagt und gewonnen

Ja, er kann's auch alleine. Seine Premiere in der Lach- und Schießgesellschaft, Leben hinterm Mond, hat es ihm selber und dem Publikum bewiesen: Josef Brustmann unterhält mit seinem Wort- und Musikkabarett mühelos den Saal. Nach zehn Jahren als Drittel des Bairisch Diatonischen Jodel-Wahnsinns und heute als Mitglied der MonacoBagage hat er sich jetzt an sein erstes Soloprogramm getraut – und gewonnen.

Was ja auch hätte passieren können: Der Josef, von niemandem mehr gebremst, tritt raumgreifend über die Ufer. Aber es wurde das genaue Gegenteil. So diskret, so charmant, so ganz bei sich und daher auch voller Selbstironie hat man ihn zuvor nicht erlebt.

In der Gruppe scheint man eben doch, bewusst oder unbewusst, den anderen etwas beweisen zu müssen. Der Solist aber kann alle Bühnenerfahrung, Musikalität, Intelligenz und allen Wortwitz in der Conférence wie in den Liedtexten (muss die Sache mit dem Telefonsex sein?) direkt zur Verführung der Gäste benutzen.

Brustmann hat neu nachgedacht in den letzten Jahren, hat seinen Ort gesucht und spult sein eigenes Leben vor uns ab. Das ist nicht Wichtignahme oder Sentimentalität: Er redet von dem, was er kennt (die Zuhörer übrigens auch), steht dazu und darüber. Nie wird eine Botschaft mit Pedal ausgeschickt.
Nachdenken bei seinen Seitenhieben darf man trotzdem. Und lachen.

Beate Kayser in TZ vom 24.8.2004


Redefluss und Schokoguss
Josef Brustmann in der Lach- und Schießgesellschaft

Einen sonderbaren Schokoladengeschmack hat Josef Brustmann ja schon – auf die "Rum, Trauben, Nuss" vom Hersteller mit dem Quadrat stehe er, ist in der Lach- und Schießgesellschaft zu erfahren. Das geht eigentlich gar nicht, wird doch jeglicher Zutat durch die Zwangsvereinigung Leid zugefügt. Doch vielleicht ist die Vorliebe des Kabarettisten für diese Süßigkeit nur konsequent: Als Kind schnappte das arme böhmische Flüchtlingskind erfolgreich mit dem Mund nach Fliegen – der Beginn einer "bitterharten, aber auch poetischen Existenz". Und von eben dieser berichtet und singt Brustmann in seinem Programm Leben hinterm Mond. Er macht das mit großer Spielfreude und noch größerem erzählerischen Talent.

Denn Brustmann ist ein wunderbarer Plauderer, ein gewitzter Erzähler, der sich nur zum Schein hinter der Maske des tumben Jungen verbirgt. Da geht er los bei den kleinen, privaten Kuriositäten des Alltags, kommt mühelos zu einigen Anekdoten aus dem Eheleben, um letztlich bei Kirche und Staat zu landen. Etwa führt Brustmann sein Publikum von der Erziehung des kleinen Josef über die beste Taktik beim Beichten ("mit den kleinen Sünden über die großen hinweglügen") hin zu den Eigenheiten bayerischer Politik: "Ist schon verwunderlich, dass die Strauß-Kinder so lügen, wo doch der Vater so aufrichtig war".

Leben hinterm Mond ist Josef Brustmanns erstes Soloprogramm. Denn eigentlich ist er auf der Bühne ein Mannschaftsspieler – einst beim Bairisch Diatonischen Jodel-Wahnsinn, heute bei der MonacoBagage. Doch auch allein sorgt Brustmann für großen Spaß. Wunderbar – bis auf seinen Schokoladengeschmack.

Michael Schleicher in: SZ München, vom 24.8.2004


"Leben hinterm Mond" in der Lach & Schieß

Wäre Josef Brustmann nicht schon so lange im Musikkabarettgeschäft, könnte man von einer Entdeckung sprechen. Nach der Auflösung des "Bairisch Diatonischen Jodel-Wahnsinns" kam er bei der "MonacoBagage" unter, jetzt gab er in der Lach & Schieß sein Debüt als Solist: Leben hinterm Mond heißt das erste Programm, und das ist kokett gemeint wie vieles in dieser Biografie und Fantasie harmonisierenden Geschichte vom Flüchtlingskind, das wegen Kinderlähmung eine Art Froschhaftigkeit entwickelte, Musiklehrer wurde und heute noch Fliegen mit der Zunge fängt.

Brustmann ist voll auf der Höhe der Zeit und mit derber Angriffslust mittendrin im Leben, auch wenn seine Bühnenfigur behauptet, "Vodafone" bisher für eine Wegbeschreibung auf Oberpfälzisch gehalten zu haben. Für einen Anfänger verfügt er zudem über bewunderungswürdige Souveränität, gestützt von multitalentierter Musikalität: ob Gitarre, Banjo, Zither oder Akkordeon, alles wird perfekt beherrscht, und mit dem ungeglätteten oberbayerischen Idiom entsteht ein mutterwitziger Klangraum aus aufmüpfiger Bodenständigkeit und kritischer Heimatliebe. So beichtet Brustmann: "Ich habe nie mehr gelogen als bei der Beichte" und gedenkt seiner Landesväter: "Stoiber, Streibl, Strauß, so viel Glück hält nur Bayern aus". Selten darf so reuefrei gelacht werden auf der schmalen Kante zwischen einer "bitterharten, aber irgendwie poetischen Existenz" und rustikalem Unfug über Schweine names Hamlet, Omelette und Kotelett.

Matthias Hejny in AZ München, 24.8.2004


Von Bayern, Fröschen und Vögeln
Josef Brustmann zum Auftakt der Volkssänger-Revue im Gut Nederling

"Heimat ist da, wo sie dich immer wieder reinlassen müssen". Das war die gewichtigste und bitterste Erkenntnis, bei der Josef Brustmann in seiner zweistündigen kabarettistischen Selbstbeschau am Samstagabend im Nymphenburger Gut Nederling anlangte. Als Kreativkopf der Gruppe "Bairisch Diatonischer Jodel-Wahnsinn" hatte er fast ein Jahrzehnt lang für Furore gesorgt. Und sein erstes Soloprojekt Leben hinterm Mond war nach dem geschichtlichen Vortrag von Andreas Kroll am Freitag der vielversprechende Auftakt zur Volkssänger-Revue "Bist aa do?" des städtischen Kulturreferats.

Sezierender Blick wie einst Karl Valentin

Was Josef Brustmann, in Oberbayern als achtes Kind mährischer Flüchtlinge geboren, mit seinem großen Volkssänger-Vorbild Karl Valentin, Sohn einer sächsischen Mutter und eines hessischen Vaters, gemein hat, ist der sezierende Blick eines Bayern, dessen Wurzeln nicht im Freistaat liegen. Seine wortgewaltigen und originellen Betrachtungen über die eigene Biographie stürzen immer wieder ab, ins Ernste, Sarkastische, Schwarze.

Mit einem lädierten Krötenpräparat in der Hand erzählt er, wie ihm die ländlichen Froschkonzerte die Musik nahe gebracht haben. Oder er sinniert über den Stieglitz, dem man in Italien die Augen aussticht, damit er besser singt, zieht kurz die Parallele zu Heino, um darauf eine Vogel-Zwitscher-Maschine zu betätigen. Die im Glaskasten eingesperrten Plastiktiere umsorgt er wie lebendige Wesen und leitet damit zu dem härtesten seiner wortgewaltigen Monologe über. Der Mensch und die Verpackungen. Über den Menschen, der sich von Zwängen frei machen will und dazu meint schweren Koffern in den Urlaub fährt, der seine Habseligkeiten ein Leben lang in Kisten verpackt, von Umzug zu Umzug nicht loslassen will, bis er selbst verpackt wird. Für immer.

Und weil Brustmann wie Karl Valentin ein begnadeter Multi-Instrumentalist ist, findet sich die Brüchigkeit seiner Texte auch in den Musikeinlagen wieder. Zu Ziehharmonika, Bandoneon oder Gitarre singt er erst ein böses Gstanzl, um dann ein altes Volkslied anzustimmen, das eigentlich nur sagt, dass die Liebe "wiara Bach" ist. Einfach, zart und ergreifend.

Dabei ist der sarkastische Wortkaskadeur auf einmal so sanft, dass man in ihm den kleinen Buben zu sehen glaubt, der einst mit Eisblumen im Gesicht in einem kalten Bauernhof-Zuhäusl aufgewacht ist und der erkannt hat, dass er in diesem Bayern nie ganz dazu gehören wird.

Das Publikum dankte ihm mit überwältigendem Applaus.

Albert Meisl in: Münchner Merkur | 04.04.2005