Laudatio

von Josef Brustmann anlässlich der Kulturpreis-Verleihung 2009 des Bezirkstages Oberbayern an Marianne Sägebrecht:

Marianne Sägebrecht ist etwas ganz Besonderes. So einen Menschen wie sie habe ich noch nie kennen gelernt. Aber was heißt in diesem Fall schon "kennen gelernt"? Eine flüchtige Begegnung vor Jahren, ihre Filme und vier sehr ausführliche Gespräche als Vorbereitung für diese Laudatio – was weiß man dann schon über einen Menschen, über eine Künstlerin? Vermutlich kennen sie ihre vielen Tiere, die sie hat und liebt, besser als ich, aber sollte man einen Ziegenbock deswegen eine Laudatio schreiben lassen? Mich als Laudator auszuwählen, war gescheit von ihr, weil ich ihre Schwächen nicht kenne, weil ich nichts Schlechtes von ihr weiß, nichts Schlechtes über sie gehört habe und somit mit bestem Wissen und Gewissen nur Gutes von ihr und über sie sagen kann.

Marianne Sägebrecht ist Linkshänderin und Marianne Sägebrecht macht alles mit links: Kino, Fernsehen, Theater, Drehbücher-Entwerfen, Lebensbücher-Schreiben, Kochen, Fotografieren, Malen und Zeichnen. Marianne Sägebrecht malt seit ihren Kindertagen fleißig. Dass das nur wenige wissen, hat damit zu tun, dass man ihre Bilder nicht kaufen kann. Wenn man großes Glück hat, bekommt man eines geschenkt von ihr – aber was heißt schon eines? Sie denkt einem Menschen ein Bild zu, malt  es eifrig und oft auch fiebrig eine ganze Nacht lang, bis zur Erschöpfung am andern Morgen malt sie es auf einen Menschen hin. Ein "Heil-Bild", ein "Votiv-Taferl" von Mensch zu Mensch, ein Weihnachtskalender mit nur einem Tür'l. Und wenn das Bild fertig ist, malt sie einen Monat lang keines mehr, sammelt sich und ihre Kräfte für eine neues "Wegschenk"-Bild.

Und noch so etwas Spezielles: Ihr Vater, der noch vor ihrer Geburt starb, und der ein wunderbarer Gärtner war, hat ihr wohl das Wissen um seine Blumengeheimnisse vererbt. Wenn Marianne Sägebrecht Blumen schenkt, schenkt sie keinen Blumenstrauß, sondern vielmehr ein Gebinde aus Blütenschönheiten, Heilkräutern, Gute-Wünsche-Zweigerln und Zauber-Zittergräsern. Wie bei den Bildern gibt es einen Strauß nur einmal, und er gehört ganz dem Menschen zu, dem sie ihn schenkt. Da gibt es keine Menschenverwechslungen, keine Menschenverallgemeinerungen.  Eine tiefe Verbindung zu Gottes Kreatur trägt Marianne Sägebrecht in sich, und so wundert man sich auch nicht, dass sich neben acht Katzen auch noch zwei Ziegenböcke und ein Pferd in ihr Leben eingemietet haben. Das Pferd heißt Armin und lässt Rückschlüsse auf seine Besitzerin insofern zu, als es sich von keinem Menschen auf der Welt Zügel anlegen lässt.

Kennen gelernt habe ich Marianne Sägebrecht vor einigen Jahren im Münchner Literaturhaus. Wir saßen an einem Tisch auf der Bühne und lasen Texte von Marie-Luise Fleisser vor. Marianne Sägebrecht kam nicht alleine, sie hatte in einem Tragekorb eine kranke Katze bei sich, die sie nicht alleine in der Garderobe,  geschweige denn zu Hause lassen wollte. Und somit war das arme Tier irgendwie Mit-Akteur auf der Bühne! Das Kunst- und Schauspielerleben hat das echte Leben der Marianne Sägebrecht nie überwuchert oder weggespült. Das echte Leben war immer stärker und wichtiger, und auch in diesem Fall wog das Leid der Katze schwerer als der ungestörte Kunstgenuss  des Münchner Lausch-Publikums. Das, was mir von diesem Abend als Einziges in Erinnerung blieb, war dieses schöne Bild, dieses kleine, schöne Echt-Theater, das man nicht mehr vergisst und dankbar eintauscht gegen die ohnehin irgendwann in die Vergessenheit zurücksinkenden Literatur- und Satzwolken. Nie wieder habe ich einen Menschen auf der Bühne in Begleitung eines leidenden Tieres erlebt.

Natürlich dürfen in Marianne Sägebrechts Arche Noah die Menschen nicht fehlen, und so beschreibt sie die Zeit als ihre schönste, als sie zusammen mit Mutter Agnes, Schwester Renate und Tochter Daniela in einer Schwabinger Wohnung in der Münchner Kaulbachstraße lebte. Von einem Journalisten nach ihrem größten Erfolg gefragt, nennt sie die Geburt ihrer Tochter Daniela. Ihre Tochter, ihr Enkelkind, ihre Schwester, ihre Mutter sind ihr das Wichtigste im Leben und dann erst kommen die Kollegen, Mitstreiter, Film- und Fernsehleute und Zeitungsmenschen.

Natürlich fällt das auf: Wo sind die Männer in dieser Arche Noah? Ja, da gibt es schwere Verluste. Die in einem Interview gestellte Frage nach ihrer größten Niederlage beantwortet sie mit dem Verlust des Ehepartners durch Scheidung. Aber die eigentliche Schmerzensecke ist natürlich das Aufwachsen der kleinen Marianne ohne den Vater, der noch vor ihrer Geburt an den Folgen einer Kriegsverletzung stirbt. Die vielen Spiegelbilder, die ein Vater liebevoll von seiner Tochter entwirft, haben natürlich gefehlt, und diese Spiegelbilder hat sie sich selber zusammengesucht in der Welt, hat sie alle selber erfinden, imaginieren und schauspielern müssen. Deswegen ist ihr Schauspiel auch so echt, so lebendig, so existenziell, anrührend und uneitel. Marianne Sägebrecht hat keine einzige Stunde Schauspielunterricht gehabt in ihrem Leben, sie hat auch keinen gebraucht. Marianne Sägebrecht schlüpft nicht in Schauspielrollen, die Rollen schlüpfen eher in sie, sie spielt nicht Frau Holle oder Marga Engel oder Jasmin – sie IST Jasmin, Marga Engel und Frau Holle.

Wie ein großer goldener Magnet zieht sie ihre Rollen an sich und entlässt sie golden strahlend als kleine Sterne ins Universum. Marianne Sägebrecht spielt nur Rollen,  die sie gefühlsmäßig erspüren und ausloten kann, die sich aus ihrem Lebenskonzept erschließen und rechtfertigen lassen: Das Zuckerbaby bei Percy Adlon, die Jasmin  in Out of Rosenheim, die Martha an der Seite von Michel Piccoli, die Susann im Rosenkrieg von Danny de Vito neben Michael Douglas und Kathlen Turner, die Klara im Kleinen Lord neben Mario Adorf, die reife Frau in der Forsythe-Saga bei Bob Wilson, eine Prostituierte in Johnny von Dylon de Jong oder die Tante Neta im Unhold von Volker Schlöndorf – und vielleicht auch mal die Gutemine neben Michel Galabru und Gérard Depardieu in einem Asterix-Film.

Was manch einem den Atem stocken lässt, da wo viele innerlich noch im Nachhinein schreien möchten: "Marianne, geh hin und mach's!", das sind Absagen an Woody Allen (weil er das Drehbuch nicht im Vorhinein herausrücken wollte), das klare NO für einen Schwarzenegger-Film und die Absage für Harry Potter – alles Filmrollen, die sie sich nicht antun wollte. Natürlich sagen da gewisse Produzenten "die spinnt!" und sie spinnt ja auch – aber einen goldenen, einen goldrichtigen Faden! Lieber schon spendet sie ihre Kraft für Independent-Filme junger unbekannter und unbetuchter Regisseure. Als die deutsche Sauberkeits-Putzfimmel-Geschäfte-Kette ZEWA (wisch und weg) eine weltweite Werbeaktion mit Bildausschnitten von Out of Rosenheim plant, verweigert sich nicht der Regisseur Percy Adlon und auch nicht der Komponist Bob Telson, sondern die Schauspielerin Marianne Sägebrecht, der ihre Figuren, die sie bei Percy Adlon miterfindet und textlich und dramaturgisch mitgestaltet, heilig sind, die ihre Schauspiel-Erfindungen hütet und beschützt wie eine Mutter ihre Kinder.

Wie bei ihren Bildern achtet sie auch beim Filmen auf ihre Kräfte, auf's Kräfte-Haushalten. Ein bis zwei Filme dreht sie im Jahr, im Moment eine kanadisch-italienische Produktion mit dem Titel Grandma. In fortgeschrittener Planung ist die Eigenproduktion Gegen den Strom, heim nach Surinam, Marianne auf den Spuren von Maria Sybilla Merian. Den Rest des Jahres hält sie von ihrer Tochter organisierte Lesungen und schreibt Bücher, auch diese meist Bestseller wie zum Beispiel Meine Überlebenssuppen – Geschichten und Rezepte oder Mein Leben zwischen Himmel und Erde.

Surinam, das war übrigens während der oft harten Kinderjahre am Ostufer des Starnberger Sees schon immer das Traumland von Marianne Sägebrecht, das "Ausweg"-Land, die Rettungsinsel ihrer Fantasien. So schließt sich mit diesem Filmvorhaben ein Lebenskreis wie er sich auch mit ihrer Rückkehr an den Starnberger See geschlossen hat. Hier in Starnberg haben ja auch ihre "Spinnereien" begonnen: 1971, als Wirtin der Kleinkunstbühne "Spinn-Radl" hatte sie hier bald Kultstatus erlangt. Später dann war sie Wirtin im legendären Münchner "Mutti-Bräu": Marianne als Wirtin, Köchin, Actrice, Impresario und Dompteuse eines wilden bis vogelwilden Künstler-Raritäten-Kabinetts, das sich in der grotesk-schönen Nachtschattengewächs-Orgie der Opera-Curiosa – einer oft bis zu 40-köpfigen Varieté-Truppe – ins grelle Münchner Kulturlicht katapultieren sollte.

Als Schauspielerin für sich entdeckt hatte sie 1979 Percy Adlon. In Adele Spitzeder im Studiotheater München spielte sie die Prostituierte so zart und zerbrechlich eindrücklich, dass Adlon 1980 die Frau Pansa in seinem Film Herr Kischot mit ihr besetzte. Danach der Film Die Schaukel, dann schon Zuckerbaby, Out of Rosenheim und Rosalie Goes Shopping – alles große internationale Erfolge!

Noch heute spürt Marianne Sägebrecht Percy Adlon gegenüber eine tiefe Dankbarkeit, weil er als erster ihr Talent erkannte und sie zu einer der international erfolgreichsten Schauspielerinnen Deutschlands machte. Auffällig, dass bei aller Vaterlosigkeit immer wieder Männer ihre helfenden Engelsflügel über sie hielten: In Berg am Starnberger See war es Philip Baron von Rosenthal, der Mariannes Mutter mit ihren zwei Kindern, ihren zwei "Bangerten", wie man das im zu spät  christianisierten Bayern früher nannte, aufnahm. In Aufkirchen verhalf ihr später Pfarrer Max Karbacher zum ersten Theaterstück, und der Schulleiter Johann Rothenfußer förderte engagiert ihr schulisches Fortkommen. Maurus Graf, ein Bruder von Oskar Maria Graf, las ihr oft aus seinen Büchern vor und machte ihr Lust auf deutsche Literatur. In diese Reihe der Beschützer kann man auch Percy Adlon stellen, der ihr großes Talent sah, und mit dem sie die Welt bereisen und erobern sollte. Percy Adlon hat die Schauspielerin einmal folgendermaßen gezeichnet: "Der leichte Gang, beim starken Gewicht, die Lachlust um den herzförmigen Mund, das Mädchenhafte, das Einsame".

Für ihre herausragenden Arbeiten wurde Marianne Sägebrecht mit vielen Auszeichnungen bedacht. Wem sie einen Orden geben würde, hat man sie in einem Interview gefragt; ihre Antwort war: "Den deutschen Trümmerfrauen, die uns den Weg freigeräumt haben". Wohl hat sie bei dieser Antwort auch an ihre Mutter Agnes gedacht und wahrscheinlich im Inneren dieser auch ihre Auszeichnungen mitgewidmet, so wie sie auch ihre Preistrophäen großzügig an die Frauen ihres Familien-Wigwams verteilte: "Mein Filmband in Gold hat meine Schwester, den deutschen Verdienstorden meine Tochter und mit dem Bambi spielt mein Enkelkind", erzählte sie mir. Bleibt zu hoffen, dass der neue Preis – der Kulturpreis des Bezirktags von Oberbayern – nicht bei ihren Geißen landet.

Ohnehin ist Marianne Sägebrecht trotz ihres Ruhms ein wirklich uneitler, normaler Mensch geblieben: Kein Kokain, keine Suizidversuche, keine Sexorgien, nicht einmal Vollräusche in den Nightclubs von New York. Marianne Sägebrecht hat Suppenbücher geschrieben. Und wie merkwürdig es mich traf, als ich nach wochenlanger Filmruhm-Recherche auf das nüchtern-existenzphilosopische Statement ihrer Mutter Agnes stieß. Diese retournierte den sensationslüsternen Ausruf der Nachbarin: "Gell, Ihre Tochter dreht grad wieder mit dem Michael Douglas" gelassen mit: "Wenn der amoi stirbt, is er a bloss a bissel a Dreck".

Marianne Sägebrecht hat trotz der spektakulären Rollen keine Reichtümer angesammelt, zumindest keine äußeren. Aber wenn man mit ihr spricht – gut, meistens ist es etwas umgekehrt – dann sprudeln aus ihr Lebensromane, Film-Drehbücher, Lebensberatungsbücher und Kochbücher gerade nur so heraus, ein wirklich großer, fantastischer Lebensreichtum, den sie da in sich trägt. Und vielleicht spendiert sie einem auch nebenbei einen kleinen Katechismus, denn Marianne Sägebrecht ist praktizierende Christin. Den Herrgott hat sie sich als treuen Begleiter ausgesucht, einen solchen Tröster kann man schon brauchen auf einem oft auch schweren, schmerzvoll-vaterlosen Lebensweg durch's Lebensgebirge. Ihr Christ-Sein findet allerdings jenseits der ausgetretenen Amtskirchenpfade statt. Voller Liebe für ihre Mitmenschen ist sie, ohne Vorurteile und Überzeugungsallüren gegenüber Andersdenkenden und ohne Arg gegenüber Menschen, die ihr im Laufe ihres Lebens zugesetzt haben.

Als große, gütige Päpstin stelle ich sie mir vor, inmitten ihrer Künstlerfreunde, zu denen viele Schwule, Transvestiten, Groß- und Kleinkünstler, Vaganten und auch Prostituierte zählen – was gäbe das für einen schönen Film! Leben und Kunst, Leben und Film, Realität und Fantasie – all das ist eins im Leben der Marianne Sägebrecht und meist gar nicht voneinander getrennt.

Dass sie eigentlich gar keine richtige Schauspielerin wäre, hat Percy Adlon einmal gestichelt. Ich glaube, dass das stimmt. Die Marianne Sägebrecht ist eigentlich keine richtige Schauspielerin, sie ist eigentlich nur eine RICHTIGE SCHAU! Ich gratuliere Marianne Sägebrecht recht herzlich zum Oberbayerischen Kulturpreis 2009!

Josef Brustmann