Pressestimmen zu den Sterbeliedern


Gib jedem seinen eigenen Tod

"Sterbelieder fürs Leben" – sie sind eine Gratwanderung zwischen den Welten.
Besinnlich und heiter ging's zu mit der bekannten Schauspielerin Marianne Sägebrecht und Josef Brustmann.

Doch, etwas Mut braucht man schon, um so einen Abend in Kulturprogramm aufzunehmen: "Sterbelieder"! Auch wenn sie, wie bei Marianne Sägebrecht und Josef Brustmann gedacht sind "fürs Leben". Rilke, Heine, Trakl, Eichendorff haben sie durchstöbert, bei Brecht, Brentano und Bobrowski, bei Maiwald und Gernhardt nachgeschlagen.

Poetisches und Ungereimtes, Beruhigendes und ziemlich Beunruhigendes entdeckt und zu einem unglaublich schwebenden, ruhigen, atmenden Programm zusammengestellt. Gelesen und gesungen und gespielt wird da, immer wieder den Tod umkreisend, tiefernst und melancholisch und augenzwinkernd und mit einer heiteren Gelassenheit, dass sich das Diesseits dicht ans Jenseits schmiegt und umgekehrt.

Flügel und Zither, Mundharmonika und Gitarre - Josef Brustmann, der etliches vertonte, viel ureigenes dichtete - sorgt mit den Klängen für eine atmende Ruhe, die sonst nur selten zu finden ist, kongenial unterstützt von Saxophonist und Klarinettist Andy Arnold, der es schafft, die leisen Töne und Sätze so liebevoll zu umschlängeln, dass sich das Publikum regelrecht mit umarmt fühlt. "Es ist schon ein spezielles Publikum, das sich auf so einen Abend einlässt", sagt Marianne Sägebrecht, die nach dem Auftritt nicht nur auf die Schnelle die CD signiert, sondern sich gern aufs eine oder andere Gespräch einlässt.

Kurzfristig war man umgezogen vom Gewehrhaus in die intimere Gärtnerhaus-Atmosphäre, wo das Publikum nicht nur in den ersten Reihen dicht dran ist an den Künstlern. Dem Abend ist der Umzug gut bekommen, denn das Thema verlangt Nähe. "Wenn ich tot bin, singt mir ein schönes Lied - bin nicht gern gegangen, ging nur, weil"s geschieht", singt Brustmann, das Saxophon warnt "Hüt dich, schöns Mägdelein" und Sägebrecht, aus "Out of Rosenheim" und "Zuckerbaby" bekannte Schauspielerin und Kabarettistin, liest Trakl, Brustmanns Erinnerungen an den Großvater und seinen Herzblattschuss und Rilkes Bitte "Gib jedem seinen eignen Tod", schnippt Bert Brechts radikale Diesseitigkeit mit kleinem "... sagt Brecht" beiseite.

Was die Drei zusammengestellt haben, ist ein florales Gebinde, das Wurzelwerk, vielerlei Triebe und Sprosse und Kletterranken treibt. Das singt, auch wos nur spricht, das spricht, auch wos nur klingt. "Alle sind Brüder des Sensenmanns Raub", erinnert Brustmann zum ruhig hinschreitenden Zitherklang.

Der Solo-Kabarettist, einst Kreativkopf des "Bairisch Diatonischen Jodel-Wahnsinns", hat das Konzept entwickelt – eins, das so wenig nach Mainstream und Besucherzahlen schielt, dass man sich fragt, wie es wohl funktionieren kann, für eine derartige Veranstaltung ein ausreichendes Publikum zu finden. Es funktioniert: das Gärtnerhaus war ausverkauft – und das Publikum wuchs während der eineinviertel Stunden auf ganz besondere Weise zusammen. Ein Abend, der lange erinnerlich bleiben wird.

Inge Braune am 26.11.11 in der SÜDWEST PRESSE